ghostbike
es gibt nicht viele dinge, die man über sie wissen kann. man weiß, dass sie auf das rad gestiegen ist und es in bewegung gesetzt hat. man weiß, dass sie an einem bestimmten punkt anhalten und absteigen wird. man weiß, dass sie, wenn sie in irgendeinem moment zwischen anfang und ende ihrer fahrt mit ihrer bewegung aufhören würde, herunterfiele. aber vor allem weiß man, dass der luftwiderstand ihr sagte, dass sie lebte. 
in geschlossenen räumen starrten die menschen auf ihr rechtes bein. aus gewohnheit hatte sie um die hose ein gummiband geschnallt. ein kreis, unter dessen unterem rand der knöchel hervorsah, unter dessen oberem rand der ansatz des unterschenkels, der dann langsam mit dem pressen anfing, stockend. der wind kam ihr entgegen, strich seitlich am rahmen vorbei. am unterrohr, an den unterschenkeln, am sitzrohr, an sitzstrebe und kettenstrebe, an den knien, am oberrohr mit den oberschenkelinnenseiten, an der sattelstütze, am sattel. darauf ihr schambein, das sich jetzt abhob. sie stand auf, stellte sich auf die pedale, pedalkurbel, tretlager, legte ihr körpergewicht gegen den lenker, den oberkörper auf den gestreckten armen abgestützt, schief nach vorne, über die begrenzung, die der lenker vorgab, hinaus, aufgerichtet, auf und ab wippend, ein stoßen, mit dem rechten bein nach unten, in den boden hinein, mit dem linken bein gleichzeitig hoch, es führt den kreis nach hinten weiter, den das rechte bein nach vorne begonnen hat, ein kreis, der auf zwei größeren kreisen, den laufrädern, aufgesetzt ist, vorderrad, nabe, felge, reifen ziehen nach vorne, während sich das hinterrad nach hinten bewegt, abstößt, der schwung erhöht den takt, arme und oberkörper werden unbeweglicher, armspeichen, rumpfspeichen, je schneller die beine auf und abgehen, das atmen fällt in denselben rhythmus, sie duckt sich, macht die augen zu schlitzen, ein beschleunigter körper über einem gestänge, der kanal zieht sich vor ihr hin, sie zieht den rücken lang, kein dach, keine fenster, keine wand vom rad aus, vom rand aus, sie kann sich nebenbei haben, sie kann sich jetzt nebenbei haben, so wie sie ein fahrrad nebenbei haben kann, gleichsam wie aus versehen, kein nummernschild, keine datenrückverfolgung, keine kontrolle, so ist das, das sich nebenbei haben, den wind, den regen, den straßenbelag aussitzen, während sie sich vom praterspitz entfernt und der nußdorfer wehr näher kommt, wer näher kommt, im gleiten, wer kommt mir da nah?  du stehst auf, stehst im hof, das rad zwischen den beinen, bist in eile, ich frag dich, bevor ich versuch, aus deinem blick zu lesen, wie es dir geht, stattdessen, wie ich meinen patschen reparieren kann, du sagst, ruhig, unberührt, zuerst auf das kleinste ritzel schalten, dann die bremse öffnen, damit die bremsbacken weit genug von der felge entfernt sind, mit sanftem druck das schaltwerk nach hinten drücken, das laufrad rausheben, gerade, damit die bremsscheibe keine kratzer in den rahmen macht, ich beug mich, unter deinem blick durch, beug ich mich über das rad, jeden handgriff nach dem anderen, du siehst mir zu, wochenlang, meine hände bemühen sich für den reifen, nicht für dich, damit die backen weit genug von der felge entfernt bleiben, kann ich mich nicht einfach weiter nebenbei haben, wie ich mein fahrrad neben mir haben kann, dann bist du weg, gegangen, wo es doch viel besser geht, zu zweit das laufrad wieder einzubauen, eine zieht an der hinterradbremse, während die andere die schraube festdreht, nein, du stößt die luft zwischen deinen zahnreihen durch, genervt, ich will dich nicht nebenbei haben, warum sonst, du willst wissen warum, ich schweig, warum denn sonst, aus versehen sag ich, aus welchem versehen, aus welchem scheißversehen denn, der weg verengt sich, die kanaleinfassung kommt näher, große betonquader, deren oberfläche uneben ist, vom regen ausgewaschen, dazwischen rillen, gegen deren kante der reifen presst, sich dann erst drüberollt, zweimal dasselbe hineinsacken in die rillen, hinten und vorne und dazwischen den stoßdämpferkörper balancieren, es tut mir leid, hörst du, haltung, anspannung, nicht auf die seite kippen, ins wasser abstürzen, was wäre dann mit dem rad, ich könnte schwimmen, aber schwimmt ein rad, und wenn es von der strömung mitgetragen wird, wo bleibt es hängen, gibt es ein auffanggitter, gibt es ein riesiges auffanggitter am praterspitz fürs am rand fahren, für eine entscheidung, eine notwendigkeit, ich will wissen, wie ich auf das rad gestiegen bin und es in bewegung gesetzt habe und ich will wissen, wie ich an einem bestimmten punkt anhalten und absteigen wollte, und ich will wissen, wie steil eine rampe neben der quaderwand hinaufführt, vom kanal zur lände, und wie das auftauchen nur langsam geht, ich will wissen, wie der schmerz in den oberschenkeln weniger wird, wenn ich an den armspeichen reiße um mich hochzuziehen, ich will wissen, ob du ein fahrrad weiß anstreichen würdest, für mich, ob du es an ein straßenschild  ketten würdest, für mich,  die ampel zeigt grün, das vorderrad gleitet über die gehsteigkante, ein kurzer sprung, ich will wissen, ob ich, wenn ich an irgendeinem punkt zwischen anfang und ende meiner fahrt mit meiner bewegung aufgehört hätte, heruntergefallen 
// 
weißes metall mit schwarzen plastiklüftungsschlitzen von der seite, kalt, brutal, über die ganze länge, sie konnte nicht sagen warum, das rechte bein war ein oberrohr geworden, das oberrohr ein unterrohr, wo das unterrohr hingekommen ist, konnte sie nicht mehr sehen, der oberkörper schon längst weggebogen, dort, wohin das fahrrad gekippt war, was sie wahrscheinlich nicht wissen wollte, so fühlt sich ein lastwagen an, so also fühlt sich ein lastwagen an. 
es gibt nicht viele dinge, die man über sie wissen kann. 2006 wurde sie an der weissgerberlände am donaukanal bei der siemensbrücke von einem lastwagen erfasst und getötet, als sie bei grün den radübergang auf der lände querte. im juli 2008 wurde an dieser stelle ein weißes ghostbike aufgestellt, das im august 2008 vermutlich von der MA48 wieder entfernt wurde. jedenfalls weiß man nicht, was sonst mit dem ghostbike hätte passiert sein können. 
http://www.textfeldsuedost.com/wiener-soundspaziergaenge/spaziergang-lesefestwoche-2011/

 

ghostbike

es gibt nicht viele dinge, die man über sie wissen kann. man weiß, dass sie auf das rad gestiegen ist und es in bewegung gesetzt hat. man weiß, dass sie an einem bestimmten punkt anhalten und absteigen wird. man weiß, dass sie, wenn sie in irgendeinem moment zwischen anfang und ende ihrer fahrt mit ihrer bewegung aufhören würde, herunterfiele. aber vor allem weiß man, dass der luftwiderstand ihr sagte, dass sie lebte.

in geschlossenen räumen starrten die menschen auf ihr rechtes bein. aus gewohnheit hatte sie um die hose ein gummiband geschnallt. ein kreis, unter dessen unterem rand der knöchel hervorsah, unter dessen oberem rand der ansatz des unterschenkels, der dann langsam mit dem pressen anfing, stockend. der wind kam ihr entgegen, strich seitlich am rahmen vorbei. am unterrohr, an den unterschenkeln, am sitzrohr, an sitzstrebe und kettenstrebe, an den knien, am oberrohr mit den oberschenkelinnenseiten, an der sattelstütze, am sattel. darauf ihr schambein, das sich jetzt abhob. sie stand auf, stellte sich auf die pedale, pedalkurbel, tretlager, legte ihr körpergewicht gegen den lenker, den oberkörper auf den gestreckten armen abgestützt, schief nach vorne, über die begrenzung, die der lenker vorgab, hinaus, aufgerichtet, auf und ab wippend, ein stoßen, mit dem rechten bein nach unten, in den boden hinein, mit dem linken bein gleichzeitig hoch, es führt den kreis nach hinten weiter, den das rechte bein nach vorne begonnen hat, ein kreis, der auf zwei größeren kreisen, den laufrädern, aufgesetzt ist, vorderrad, nabe, felge, reifen ziehen nach vorne, während sich das hinterrad nach hinten bewegt, abstößt, der schwung erhöht den takt, arme und oberkörper werden unbeweglicher, armspeichen, rumpfspeichen, je schneller die beine auf und abgehen, das atmen fällt in denselben rhythmus, sie duckt sich, macht die augen zu schlitzen, ein beschleunigter körper über einem gestänge, der kanal zieht sich vor ihr hin, sie zieht den rücken lang, kein dach, keine fenster, keine wand vom rad aus, vom rand aus, sie kann sich nebenbei haben, sie kann sich jetzt nebenbei haben, so wie sie ein fahrrad nebenbei haben kann, gleichsam wie aus versehen, kein nummernschild, keine datenrückverfolgung, keine kontrolle, so ist das, das sich nebenbei haben, den wind, den regen, den straßenbelag aussitzen, während sie sich vom praterspitz entfernt und der nußdorfer wehr näher kommt, wer näher kommt, im gleiten, wer kommt mir da nah?  du stehst auf, stehst im hof, das rad zwischen den beinen, bist in eile, ich frag dich, bevor ich versuch, aus deinem blick zu lesen, wie es dir geht, stattdessen, wie ich meinen patschen reparieren kann, du sagst, ruhig, unberührt, zuerst auf das kleinste ritzel schalten, dann die bremse öffnen, damit die bremsbacken weit genug von der felge entfernt sind, mit sanftem druck das schaltwerk nach hinten drücken, das laufrad rausheben, gerade, damit die bremsscheibe keine kratzer in den rahmen macht, ich beug mich, unter deinem blick durch, beug ich mich über das rad, jeden handgriff nach dem anderen, du siehst mir zu, wochenlang, meine hände bemühen sich für den reifen, nicht für dich, damit die backen weit genug von der felge entfernt bleiben, kann ich mich nicht einfach weiter nebenbei haben, wie ich mein fahrrad neben mir haben kann, dann bist du weg, gegangen, wo es doch viel besser geht, zu zweit das laufrad wieder einzubauen, eine zieht an der hinterradbremse, während die andere die schraube festdreht, nein, du stößt die luft zwischen deinen zahnreihen durch, genervt, ich will dich nicht nebenbei haben, warum sonst, du willst wissen warum, ich schweig, warum denn sonst, aus versehen sag ich, aus welchem versehen, aus welchem scheißversehen denn, der weg verengt sich, die kanaleinfassung kommt näher, große betonquader, deren oberfläche uneben ist, vom regen ausgewaschen, dazwischen rillen, gegen deren kante der reifen presst, sich dann erst drüberollt, zweimal dasselbe hineinsacken in die rillen, hinten und vorne und dazwischen den stoßdämpferkörper balancieren, es tut mir leid, hörst du, haltung, anspannung, nicht auf die seite kippen, ins wasser abstürzen, was wäre dann mit dem rad, ich könnte schwimmen, aber schwimmt ein rad, und wenn es von der strömung mitgetragen wird, wo bleibt es hängen, gibt es ein auffanggitter, gibt es ein riesiges auffanggitter am praterspitz fürs am rand fahren, für eine entscheidung, eine notwendigkeit, ich will wissen, wie ich auf das rad gestiegen bin und es in bewegung gesetzt habe und ich will wissen, wie ich an einem bestimmten punkt anhalten und absteigen wollte, und ich will wissen, wie steil eine rampe neben der quaderwand hinaufführt, vom kanal zur lände, und wie das auftauchen nur langsam geht, ich will wissen, wie der schmerz in den oberschenkeln weniger wird, wenn ich an den armspeichen reiße um mich hochzuziehen, ich will wissen, ob du ein fahrrad weiß anstreichen würdest, für mich, ob du es an ein straßenschild  ketten würdest, für mich,  die ampel zeigt grün, das vorderrad gleitet über die gehsteigkante, ein kurzer sprung, ich will wissen, ob ich, wenn ich an irgendeinem punkt zwischen anfang und ende meiner fahrt mit meiner bewegung aufgehört hätte, heruntergefallen 

//

weißes metall mit schwarzen plastiklüftungsschlitzen von der seite, kalt, brutal, über die ganze länge, sie konnte nicht sagen warum, das rechte bein war ein oberrohr geworden, das oberrohr ein unterrohr, wo das unterrohr hingekommen ist, konnte sie nicht mehr sehen, der oberkörper schon längst weggebogen, dort, wohin das fahrrad gekippt war, was sie wahrscheinlich nicht wissen wollte, so fühlt sich ein lastwagen an, so also fühlt sich ein lastwagen an.

es gibt nicht viele dinge, die man über sie wissen kann. 2006 wurde sie an der weissgerberlände am donaukanal bei der siemensbrücke von einem lastwagen erfasst und getötet, als sie bei grün den radübergang auf der lände querte. im juli 2008 wurde an dieser stelle ein weißes ghostbike aufgestellt, das im august 2008 vermutlich von der MA48 wieder entfernt wurde. jedenfalls weiß man nicht, was sonst mit dem ghostbike hätte passiert sein können.

http://www.textfeldsuedost.com/wiener-soundspaziergaenge/spaziergang-lesefestwoche-2011/